Einmal Mentor, immer Mentor

arzdorf_2011Kai Arzdorf ist für seine Promotion in Mathematik von Bonn nach Hannover gezogen. Am Institut für Algebra, Zahlentheorie und Diskrete Mathematik verfasste er seine Dissertation zum Thema Semistabile Reduktion prim-zyklischer Galois-Überlagerungen.

Neben der Leidenschaft für Theorie pflegt der 31-jährige ein eiskaltes Hobby. Mit seinen Bergsteigergefährten erklimmt er dabei Gipfel, die noch nie zuvor ein Mensch bestiegen hat. Bei dieser Gelegenheit wurde ihm als Erstbegeher die Ehre zuteil einen neuen Namen für einen Gebirgszug auszusuchen. Der im Grenzgebiet zwischen Kirgisistan und der Volksrepublik China liegende 5.797 Meter hohe Berg heißt nun in Anlehnung an den großen deutschen Gelehrten Pik Leibniz.

Seine Leidenschaft Neuland zu entdecken, zeigte sich auch im gemeinsamen Promotion plus+ Mentoring-Projekt der Leibniz Universität Hannover, der STRATMANN STIFTUNG und des Rotary Club Hannover-Leineschloss. Intensiv engagierte sich das Forschungstalent seine weitere berufliche Zukunft optimal vorzubereiten. Warum er sich bei der Graduiertenakademie beworben hat und welches Ergebnis das gemeinsame Projekt brachte, lesen Sie im folgenden Interview.

Herr Arzdorf, wie haben Sie und Herr Stratmann sich kennengelernt?
Ich habe schon während meines Diplomstudiums Einblick in die Wirtschaft und das reguläre Arbeitsleben erhalten und wollte das gerne vertiefen. Da kam mir das Projekt von der Graduiertenakademie sehr gelegen.

Außerdem habe ich mich noch für das Mentoring-Programm beworben. Ich dachte durch einen erfahrenen Business-Menschen, mit dem man sich gut versteht, könnte man aus erster Hand wertvolle Informationen bekommen.

Die Zuordnung des passenden Mentors, die von der Graduiertenakademie ausging, war sehr gut, weil ich mich auf Anhieb mit Herrn Stratmann verstanden habe. Er ist nicht nur ein sehr netter und angenehmer Mensch, sondern natürlich auch sehr erfahren.

Wie verlief die Zusammenarbeit?
Besonders entscheidend für das weitere Vorgehen waren anfangs die Fragen von Herrn Stratmann danach, was ich mir für die berufliche Zukunft vorstellen kann. Er ermutigte mich herauszufinden, wo meine Interessen und Ziele liegen. Auf diese Weise wurde ich gezwungen sehr konkret über das nachzudenken, was ich will.

Ich habe etwas für mich formulieren müssen, auf das ich nun hinarbeiten kann. Denn zu Beginn meiner Promotion war mir nicht wirklich klar, ob ich in die freie Wirtschaft gehe oder ob ich nicht doch im universitären Umfeld bleibe. Wir haben uns dann zwischendurch immer mal wieder getroffen, nicht jede Woche, sondern immer dann, wenn etwas anstand.

Beispielsweise bekam ich eine Zusage für einen Wochenend-Workshop bei McKinsey. Ich traf mich daraufhin mit Herrn Stratmann, um durchzusprechen was bei diesen Recruiting-Seminaren abläuft. Er berichtete mir von seinen Erfahrungen und so wusste ich bereits vorher, was mich ungefähr erwarten würde.

Was haben Sie dabei an Erkenntnissen mitgenommen?
Die verschiedenen Gespräche und Übungen halfen mir letztlich bei den Bewerbungsgesprächen. Ich habe mehrere Jobzusagen bekommen und mich schließlich für eine Stelle bei Siemens in München entschieden.

Das Wichtigste daran war allerdings, dass Herr Stratmann immer an mich geglaubt hat. Ich selbst steckte in diesem Prozess irgendwie zu sehr drin und war daher manchmal ein wenig orientierungslos. Herr Stratmann überblickte die Situation von außerhalb und sagte mir immer wieder, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Zu wissen, dass es Menschen gibt, die an einen glauben, hat mir enorm geholfen in bestimmten Situationen mit Selbstvertrauen aufzutreten. Das Feedback von ihm war mir sehr wichtig. Ich hatte so immer eine Person an die ich mich wenden konnte, die mir den Rücken gestärkt und mir Selbstvertrauen vermittelt hat.

Wie kam es dazu, dass Sie sich schließlich für die freie Wirtschaft entschieden haben?
Ich habe reine Mathematik studiert, die wenig anwendungsbezogen ist und wollte gerne das gelernte Wissen in der Praxis umsetzen. Die Situation des Bildungssystems in Deutschland lässt es zudem leider nicht zu, dass man eine akademische Laufbahn planen kann. Die Alternativen lauten überspitzt formuliert „C4 oder Hartz 4“. Ich hätte mich durch verschiedene Postdoc-Stellen hangeln müssen, oft weit weg von zuhause. Darauf zu spekulieren irgendwann eine Professur angeboten zu bekommen, erschien mir zu frustrierend. Es liegt vielleicht in der Natur eines Mathematikers, die Dinge lieber selbst in der Hand zu haben.

So bin ich jetzt bei Siemens in der Forschungsabteilung gelandet und davon überzeugt, dass es der richtige Weg ist. Ich kann hier mein akademisches Wissen verwenden und arbeite an echten Projekten in einem Team von Kollegen mit. Die Entwicklungsmöglichkeiten sind in der freien Wirtschaft deutlich größer. Im Laufe der Zeit steigt mit wachsender Projekterfahrung auch die Verantwortung. Es ist der interessantere Job als tagaus tagein an der Universität Vorlesungen zu halten und nebenher im Keller zu forschen.

Was genau machen Sie in der Forschungsabteilung bei Siemens?
Ich habe Zahlentheorie und algebraische Geometrie studiert. Wir haben u.a. spezielle Sorten von Kurven untersucht, die in der modernen Kryptografie eine große Rolle spielen. Das Thema ist allgegenwärtig in der heutigen Zeit - man findet die Technologie im Handy, beim Internetbanking oder in Autos. Fast überall sind wirkungsvolle kryptografische Mechanismen erforderlich. Mit diesem theoretischen Hintergrundwissen arbeite ich nun seit Anfang April in der IT-Sicherheits- und Kryptografieabteilung.

Wie geht es wissenschaftlich weiter?
Die Verteidigung meiner Doktorarbeit findet am 16. Mai 2012 statt. Danach bekomme ich alle Ergebnisse mitgeteilt.

Sie ziehen von Hannover nach München. Wollten Sie den Bergen näher sein?
Als Hobbybergsteiger ist für mich geografisch München natürlich besser als Hamburg, weil ich den Bergen einfach näher bin.

Als Forscher und Bergsteiger mögen Sie es Neuland zu erkunden. Warum?
Die entscheidenden Schritte geht man immer selbst im Leben. Ob das Entscheidungen sind, wie das letzte große Problem der Doktorarbeit zu lösen ist oder wie man schwere Kletterstellen am Berg angeht – am Ende muss man immer die Verantwortung für sein Handeln übernehmen. Das Entscheidende ist dabei sich immer wieder zu motivieren, seine eigenen Grenzen zu überwinden, seinen Horizont zu erweitern und beherzt auch in unbekanntes Gelände vorzudringen.

Das ist sicherlich auch das, was damals Kolumbus angetrieben hat. Er wollte Unbekanntes erobern. Das hat schon seinen besonderen Reiz. Als ich in Alaska den Mount McKinley bestiegen habe, waren sehr viele Menschen unterwegs. Es war sehr kalt und es war eine große Herausforderung. Aber es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn man weiß, dass man mit seinem Team kilometerweit praktisch allein in dieser Gegend unterwegs ist.

Hat Ihnen die Mentoring-Zusammenarbeit gefallen? Würden Sie es wieder so machen?
Klar, jederzeit wieder. Herr Stratmann hatte mir in einer E-Mail letztens geschrieben, er würde hoffen, dass bei Siemens alles gut wird und dass wir weiterhin in Kontakt bleiben. Ich habe ihm geantwortet: Selbstverständlich. Einmal Mentor, immer Mentor. Das Ganze war ja kein befristeter Wartungsvertrag (schmunzelt). Das Schöne ist, dass wir uns kennengelernt haben und den Kontakt auch über dieses Mentoring-Projekt hinaus halten werden.

Natürlich habe ich bei dem Projekt mehr profitiert als Herr Stratmann, aber vielleicht ergibt sich in den folgenden Berufsjahren die Möglichkeit etwas zurückzugeben. Vielleicht werde ich später auch selbst ein Mentoring-Projekt annehmen um dann meine Erfahrungen weiterzugeben. Vielleicht ist das der Lauf der Welt.

Danke für das Gespräch!

Nachtrag zur Disputation am 16.05.12

arzdorf-01Kai Arzdorf hat am 16. Mai 2012 an der Leibniz Universität Hannover seine Disputation durchlaufen. In einem 40-minütigen Vortrag "Algorithmic Semistable Reduction" hat er die Inhalte und Ergebnisse seiner Promotionsschrift (Betreuer war Prof. Stefan Wewers) erläutert. In weiteren 40 Minuten beantwortete er die Fachfragen der drei anwesenden Professoren des Fachbereiches.

Um 12.00h verkündete Herr Arzdorf sehr erleichtert den vor dem Prüfungssaal wartenden Verwandten und Gästen das Ergebnis: Magna Cum Laude (Note 1,0)  -  herzlichen Glückwunsch Dr. Arzdorf zu dieser exzellenten wissenschaftlichen Leistung.

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