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Sechs Monate Freiwilligendienst in Tansania – Einblicke in Arbeit und Erfolge einer NGO in einem Entwicklungsland - Teil II - ein Bericht von Laura Hinze
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- Erstellt am Freitag, 13. April 2012 11:22
- Geschrieben von Laura Hinze
Zeit – ein relativer Begriff
Sechs Monate sehen anfangs lang aus und sind kurz im Nachhinein. Sie sind vollgepackt mit Erfahrungen, neuen Freunden, Reisen, Kulturkonfrontationen, Landschaft – und vor allem mit Kindern. Kinder, die ihre Lebensfreude selbst dann noch versprühen können, wenn es objektiv betrachtet kaum Grund zum Freuen gibt; Kinder, die anhänglich sind und Nähe suchen, aber auch solche, die vorsichtig und distanziert sind, weil sie Angst haben, ein weiteres Mal verletzt oder enttäuscht zu werden. Mit diesen Kindern zu arbeiten, sich ihr Vertrauen mit der Zeit zu verdienen und sich von ihrer Lebensfreude anstecken zu lassen war für mich die wertvollste Erfahrung meines Auslandsaufenthaltes – sie bringt mich aber auch zur Selbstkritik an der Praktik der Freiwilligeneinsätze. So gut es ein Freiwilliger auch meint, nach spätestens einem Jahr verschwindet er wieder aus dem Leben der Kinder, ein neuer Freiwilliger kommt. Diese häufig wechselnden Bezugspersonen bringen die Kinder zu wenig Sicherheit in ihrem Leben, denn für viele ist noch dazu auch die Betreuung durch die einheimischen Hausmütter mit Schichtwechsel und jährlichen Umzügen beim Wechsel in den Altersgruppen verbunden. Oft fragte ich mich daher, warum nicht eine tansanische junge Frau für diese Betreuungen beschäftigt wird, die Konstanz gewährleisten könnte? Und darüber hinaus beschleicht bei aller Dankbarkeit für die während der Arbeit gewonnene Lebenserfahrung das schlechte Gewissen, einem Tansanier eventuell die Beschäftigungsmöglichkeit genommen zu haben. „Beruhigen“ kann da nur der Blick auf die Statistik zum Lehrermangel in Tansania. Wie viel Zeit braucht es, bis Tansania dies selbst leisten kann?
Man braucht eine eigene Welt neben der Arbeit
Zurück in Deutschland fiel mir die Eingewöhnung in den vertrauten Alltag relativ leicht. Ich erwartete nach den Erfahrungsberichten anderer Volontäre, dass der "umgekehrte" Kulturschock bei der Rückkehr groß sei. Weniger schwer fällt es aber wohl jenen, die es erleben durften, im Auslands-aufenthalt neben der Arbeit und der Konfrontation mit Not und Rechtlosigkeit eine Rückzugs-möglichkeit, eine eigene Privatsphäre und Freizeit zu haben. Mit meiner deutschen Kollegin zusammenwohnend war es möglich, in der arbeitsfreien Zeit in der Atmosphäre einer "Studenten-WG" zu leben, wir trafen uns mit Freunden zum Feierabend und unternahmen Reisen. Damit hielten wir eine Normalität des Alltags aufrecht, die uns Kraft und Stabilität gab für die Arbeit und nun auch für die Rückkehr. Sicher ist es nicht immer leicht für die Managements der Projekte, in denen Freiwillige beschäftigt sind, die Erwartungen an die regulär Beschäftigten und an die Volontäre in ein Verhältnis zu setzen. Sollten Freiwillige per se engagierter sein als Reguläre? Sie gehen möglicherweise idealisierter, mit dem Wunsch etwas zu verändern, an die Arbeit, sind noch jung und tun die Arbeit ja auch nur für kurze Zeit. All das verändert sich bei einem langjährigen Mitarbeiter notgedrungen. Einen Dienst erfüllen beide; dem Engagement förderlich sind ebenso bei beiden Gruppen feste Absprachen und Übereinkünfte über die aufgestellten Erwartungen. Zudem spielt es eine große Rolle, dass sich ein Freiwilligendienstleistender im Gegensatz zum regulären Mitarbeiter in einem völlig unbekannten Umfeld befindet, sowohl die Arbeit als auch das Leben im entsprechenden Land noch neu und ungewohnt sind. Das sind Zusatzbelastungen, die bei der z.T. ja kurzen Zeit des Aufenthaltes am Dienstort noch die Einsatzfähigkeit des Freiwilligen verringern. Gar nicht leicht, das alles im Projekt auszubalancieren.
NGOs und die Zivilgesellschaft in Tansania
Man hat den Eindruck, das halbe Zivilleben in Tansania wird durch NGOs ermöglicht und geregelt. Wo immer wir neue Kontakte auch zur einheimischen Bevölkerung knüpften, waren sie bei einem Projekt tätig. Die Tatsache, dass es viele Projekte und Organisationen in Tansania gibt, die sich dafür einsetzen, die Lebensverhältnisse der Menschen zu verbessern, Armut zu bekämpfen und sich für Menschenrechte stark machen, ist zunächst natürlich positiv, es gibt aber auch Schattenseiten bzw. Aspekte, die es zu bedenken gilt. All diese Projekte sind fast ausschließlich in europäischer, us-amerikanischer oder kanadischer Hand, Kirchengemeinden oder Vereine haben sie ins Leben gerufen und übernehmen die Leitung. Tatsächlich bekommt man somit manchmal das Gefühl, dass sich die tansanische Administration auf der Gewissheit ausruht, dass - wo immer ein Problem entsteht – Ausländer oder zumindest Hilfsorganisationen herbeieilen und sich mit einem Projekt der Sache annehmen. Umwelt, Soziales, Architektur, Energie, Gesundheit, Bildung – überall findet man beachtliche Engagements und auch schnell die Bestrebung der Regierung, diese zu koordinieren. Den Tansaniern wird so aber die Verantwortung abgenommen, ihre Probleme zu lösen, Eigeninitiative zu zeigen.
So komme ich mit vielen Fragen und Zweifeln zurück. Aber das ist wohl gerade der Sinn solcher Auslandseinsätze: Auch einmal kritisch zu hinterfragen.
Mein Fazit: Liebe zu den Menschen – besonders Afrikas - gewachsen, Sprachen dazu gelernt, reifer geworden und dankbarer für "good governance" in Deutschland, Vorfreude aufs Studium bekommen, in dem ich etwas lernen möchte, mit dem ich hoffentlich einmal einen Beitrag leisten kann zu mehr Gerechtigkeit und Chancen .. auch für diesen Teil Afrikas.
Ich danke der Stratmann-Stiftung herzlichst für Ihre Förderung meines Dienstes!



